Wer die Husqvarna 901 Norden als gediegenere, weniger knallige KTM 890 Adventure auf dem Schirm hat, liegt prinzipiell gut. Neben Äußerlichkeiten sprechen für die nordische Schwester: Sie positioniert sich treffend zwischen Basismodell und beinharter R-Variante.

Zur EICMA 2019 sorgte Husqvarna mit der Studie Norden für Aufsehen. Nicht wenige Betrachter fanden das Konzept mit der flächigen Verkleidung im Stil einer Rallye-Maschine um einiges gefälliger als die zerklüftete Formensprache der technischen Basis, welche zu dem Zeitpunkt KTM 790 Adventure, heute 890 Adventure heißt. Genau 24 Monate sind vergangen, ehe wir – ironischerweise im Süden, auf der Azoreninsel São Miguel – feststellen dürfen: Verglichen mit dem ewig zum "ready to race" verpflichteten Pendant tritt die bemerkenswert nah an der Studie gebliebene Husqvarna Norden 901 tatsächlich eine ganze Ecke gediegener auf. Der skandinavisch anmutende Look schafft es, gleichzeitig modern und zeitlos zu wirken – bedenkt man die tendenziell gesetztere Kundschaft im Reiseenduro-Markt ein äußerst vielversprechender Ansatz.

Bei aller löblicher Nähe zur Studie, etwas ist an der Serienmaschine subtil anders. Sie wirkt nahbarer. Der Blick ins Datenblatt verrät wieso und führt uns zur Hardware: Trug die Studie das aus der limitierten KTM 890 R "Rally" bekannte, championats-taugliche 270-mm-WP-Fahrwerk, belässt es die Husqvarna Norden 901 im Serientrimm bei einer maßvollen Federwegslänge von 220 Millimetern vorne und 215 im Heck. Und platziert sich in dieser entscheidenden Stellgröße exakt zwischen 890 Adventure (vorn/hinten 200 mm) und deren R-Variante (vorn/hinten 240 mm). Das Ableiten der Sitzhöhen geht gleichsam auf: tiefe 830 mm für die Basis-890, moderate 854 bis 874 mm für die Husqvarna Norden 901, enorme 890 mm für das 890-R-Modell von KTM.

Husqvarna Norden 901 bietet mehr Komfort

Wer regelmäßig aufmerksam MOTORRAD liest, weiß, die Lücke zwischen den beiden Mattighofener Midsize-Adventures ist groß – Basis: tiefe Kuhle im Motorrad, Fahrverhalten annähernd Straßenmotorrad; R-Modell: endurohoher Sportbalken mit endlosen Geländereserven. Gleichzeitig dürfte in dieser Lücke für einige die goldene Mitte liegen. Weshalb Fahrgefühl und Handling der Husqvarna Norden 901 für Kenner beinahe schon auf der Hand liegen – mit einem entscheidenden Einschub, dazu gleich mehr. Es handelt sich bei der neuen Husqvarna um eine eher leichte, spritzig und kraftvoll motorisierte Breitband-Reiseenduro, die sich auf jedwedem Untergrund verspielt in Szene zu setzen weiß. Niedrige Lenkräfte, gelenkiges Fahrverhalten, flüssige Neutralität, unterm Strich ein für das Segment enorm unterhaltsamer Kurvenswing, all das hat sie aus dem Konzernregal geerbt. Doch Achung: Im betonten Gegensatz zur Verwandschaft, deren Fahrwerke – nun ja – eher derb daherkommen, federt die Norden 901 weich. Und erhält so, flankiert von einer fein geschnittenen, soft gepolsterten Sitzbank, einen Komfort, der sich gewaschen hat. Gabel wie Federbein sprechen picobello an, erledigen ihre Aufgabe samtig. Echt wahr, reisemäßiger Bügelkomfort, feines Schweben im Pierer-Produkt. Ob bei verschärfter Gangart nun Bewegung drin ist? Selbst wenn, ließe sich das durch Anpassen der Dämpfereinstellungen (Gabel: Druck und Zugstufe ohne Werkzeug, Federbein: Zugstufe) zurechtzutzeln. Wir sahen dazu im flotten Solo-Betrieb keinen Anlass.

Husqvarna Norden 901 Fahrbericht

Im Gegensatz zur KTM-Verwandschaft federt die Norden 901 weich. Und erhält so einen Komfort, der sich gewaschen hat.

Motorisch gilt, was ganz allgemein für den bekannten, nach wie vor ausgesprochen modern wirkenden 270-Grad-Reihenzweizylinder gilt: Leistung und Drehmoment sprudeln aus ihm heraus. Seine Stärke hat der Antrieb in der Drehzahlmitte und darüber hinaus. Wobei der dezent klingende Twin, seit er 889 Kubik und mehr Schwung bekam, ein angenehmeres, besser ins Abenteuer-Segment passendes Temperament hat. Mapping? Durch alle Fahrmodi hervorragend, von enstpannt bis schnippig. Assistenzen? Ebenfalls bekannt fähig: Reichlich Einstellmöglichkeiten, IMU an Bord, narrensicher bis närrisch. Der anständige Quickshifter (bei Husqvarna heißt er "Easy Shift") ist Serie, der Rallymodus (hier "Explorer") leider nicht – er stellt für seriöse Offroad-Absichten einen Pflichtkauf dar.

Selbstverständlich hat Husqvarna alles Weitere bedacht, was in Sachen "Mittelschweres Adventurebike" von Belang wäre. So ist der Windschutz der Husqvarna Norden 901 nicht überbordend, aber unserer Meinung nach völlig ausreichend, es gibt einen Tempomaten. Sinnvolle Ausstattung wie smarte Gepäcklösungen, allerlei Heizung (Griff und Sitz) oder Connectivity (inklusive brauchbarer Pfeilnavigation über App) lässt sich dazubuchen. Grundsätzlich bietet die Plattform von allem ein sinnvolles Maß, ohne sich darüber in einer Gewichtsorgie zu verlieren. Wichtig: Die 19 Liter Kraftstoff, die in den tief nach unten gezogenen Kunststofftank passen, erlauben bei einem Verbrauch, der selbst mit schwerer Gashand meist unter fünf Litern bleibt, reichlich bemessene Etappen.

Kann offroad mehr als genug

Schließlich gehört auch bei Husqvarna eine aufschlussreiche Geländeausfahrt zum Selbstverständnis, für die die Vulkaninsel São Miguel eine wahrhaftig spektakuläre Szenerie bietet. Echte Enduro-Rad/Reifendimensionen, eine fein austarierte Balance, griffige Fußrasten, besagt guter Explorer-Mode (Schlupf einstellbar), stimmige Ergonomie und mit tollem Pirelli STR eine feine Erstbereifung: Im leichten bis mittleren Gelände kann die Husqvarna Norden 901 mehr, als das Gros der Fahrer je von ihr verlangen dürfte.